Von Städten und Fürsten

Auch wenn es dem angelitischen Idealbild eher entspricht, sein Tagwerk als Bauer auf dem Land im Einklang mit Gottes Schöpfung zu vollbringen, so kommt die Kirche um Städte als Zentren des Handels, der Kultur und Verwaltung nicht herum. Nicht umsonst liegen beinahe alle Ordensfestungen in oder in der Nähe von großen Metropolen. Die Einwohner erhoffen sich Schutz von den wehrhaften Mauern und Patroullien, während sie einer Tätigkeit nachgehen die hoffentlich genügend Manna einbringt um auf den Märkten alles Lebensnotwendige erstehen zu können - und vielleicht noch etwas mehr.
Gerade in der jüngsten Zeit erhalten Städte immer mehr Zulauf von Menschen die vor Krieg, Fegefeuern oder Hunger fliehen und sonst einfach keinen Platz finden an dem sie bleiben könnten.

Von der Sonne gebräunte Haut gilt unter den reicheren Städtern oft als unschick, ist es doch ein Zeichen dafür, dass man harte, körperliche Arbeit im Freien verrichten muss. Die Menschen vom Land hingegen verlachen die bleichen Stadtbewohner wegen ihres komischen Gehabes und der oft viel zu unpraktischen Kleider, mit denen diese ihren Wohlstand ausdrücken wollen.
Doch bringen es nur die wenigsten überhaupt zu diesem Wohlstand, Flüchtlinge haben nämlich kaum Rechte. Erst wenn sie Arbeit und Wohnsitz erlangen können sie sich als echte Städter bezeichnen.

Stadtluft macht frei...

Nicht alle Städte sind jedoch von gottesfürchtigen Menschen bewohnt. Inmitten des angelitischen Europas existieren vereinzelte Inseln des Widerstands gegen gegen die Alleinherrschaftsansprüche der angelitischen Kirche und dem "blinden, idiotischen Kadavergehorsam" ihrer Anhänger. Diese kleinen Enklaven bestehen oft nur aus einer Stadt oder haben eine solche in ihrem Zentrum. Der Grund hierfür liegt in der Ablehnung des Technikpogroms und der Tatsache, dass die Bewohner dieser Städte nicht selten des Lesens und Schreibens mächtig sind. Industrialisierung setzt beinahe zwingend stadtähnliche Strukturen veraus, weswegen deren Herrscher oft auch Stadtfürsten oder Diadochen bezeichnet werden.
Fürsten werden meist geboren oder durch Politik oder Gewalt ernannt und nur selten gewählt. Wer mehr möchte als nur arbeiten, Steuern entrichten und der Stadt Kinder schenken muss nach Jahr und Tag den Bürgereid vor dem Fürsten ablegen um Bürger zu werden und auch politische Rechte zu erhalten.
Von den Kirchentreuen abfällig als Schrottbarone beschimpft, haben die herrschenden Freidenker Gleichgesinnte und Anhänger um sich geschart und versuchen so gut wie möglich ihrer eigenen Wege zu gehen. Sie alle in einen Topf zu werfen wäre jedoch nicht fair, da manche der Diadochen von ihrem Volk gewählte Herrscher sind, andere grausame Tyrannen oder lediglich Marionetten anderer Organisationen und Gruppierungen. Einige Städte sind der Kirche feindlich gesonnen, während andere einfach in Ruhe gelassen werden wollen oder sogar Handeslbeziehungen mit den Angeliten pflegen. Es gibt sogar Stadtfürsten, die glühende Anhänger des angelitischen Glaubens sind und die Kirche unterstützen, aus verschiedenen Gründen aber ihre Unabhängigkeit bewahren wollen. Der wohl mächtigste Schrottbaron Europas, Walter von Essen, schloss vor einigen Jahren beispielsweise mit Em Susat von Nürnberg ein bis heute bestehendes Bündnis. In einer Diadochenstadt zu leben, heißt also nicht zwangsläfig den angelitischen Glauben rundheraus abzulehnen (obwohl dies trotzdem meist der Fall ist).

Die Kirche wiederum duldet viele dieser kleinen Reiche oft, da die meisten Unruhestifter dorthin abwandern und so im angelitischem Raum weniger Schaden anrichten können. Außerdem liefern die unabhängigen Städte oft wichtige Rohstoffe, die die Kirche ohne komplizierte Apparaturen und den Einsatz verbotener Technik nicht selbst herstellen könnte. Treiben es die Schrottbarone allerdings gar zu doll, entsendet Mater Ecclesia Engelsscharen und Templerheere denen die - oft zwar gut ausgerüsteten, zahlenmäßig jedoch hoffnungslos unterlegenen - Armeen der Diadochen nichts entgegen zu setzen haben und das Stadtgebiet wieder unter die führende Hand der Kirche stellen. Jeder Orden handhabt "seine" Schrottbarone auf eine eigene Art und Weise.
So gelten die Raphaeliten als eher liberal eingestellt, während die Urieliten - die ohnehin kaum über eigene Städte verfügen - die Stadtfürsten Iberiens mit geradezu leidenschaftlicher Inbrunst hassen. Die Gabrieliten gingen in den letzten Jahren massiv gegen die im Land sesshaften Diadochen vor und zerschlug den Zusammenschluss der Adeligen Noricums (der nördlichsten Provinz Gabriellands). Ramiels Diener versichern sich der Kooperation ihrer Stadtfürsten, indem sie darauf bestehen, Kinder oder nahe Verwandte im Prager Himmel als Dauergäste umsorgen zu dürfen.

Die Urbanis Liga

Um dem recht willkürlichen Gutdünken der "religiösen Spinner" nicht völlig ausgeliefert zu sein, wurden immer wieder Zusammenschlüsse einflussreicher Städte geschlossen, um beispielsweise Lieferungen an die Kirche boykottierten oder ihren Bündnispartnern mit Kriegsmaterial auszuhelfen, wurden diese bedroht.
Der größste Bund dieser Art wurde erst im Jahr 2640 gegründet. Rasch schlossen sich viele andere Mitglieder dem militärisch und wirtschaftlichen Zusammenschluss der Urbanis Liga an, welcher auf dem Codex Urbanis beruht. Dieses Werk wurde von Enrique von Cordova verfasst und nach dessen Ermordung von seiner Tochter, der gefürchteten Contessa Isabella von Cordova als Gründungsmanifest der Liga verwendet. Der Codex beinhaltet keinerlei religiöse Weltanschauung, sondern bietet aufgrund reiner Vernunftsargumente für beinahe alle unabhängigen Herrscher Europas eine gemeinsame Basis, derer sie vorbehaltlos zustimmen können. Erklärtes Ziel der Liga ist es, Freiheit vom Kirchenjoch zu erlangen sowie Bildung, Technologie und Wissenschaft zu verbreiten. Dass diese vermeintlich heheren Ziele dem gemeinen Volk nicht unbedingt zugute kommen und sich die allgemeinen Situation dadurch nicht zwingend verbessert braucht ja nicht jeder zu wissen.

Obwohl erst 20 Jahre alt ist die Urbanis Liga bereits der einflussreichste Diadochenbund in Europa und ein keinesfalls zu unterschätzender Machtfaktor. Das wirtschaftliche Potential ist enorm, allerdings wird ein gemeinsames Agieren oft durch die völlig verschiedenen Ziele und Vorstellungen der Mitglieder des Bundes verlangsamt. König Laris von Real und Isabella, die Sprecherin des Kollektivs Cordova, liegen seit Monaten im Streit über die diadochische Vorherrschaft in Iberien. Und auch in wichtigeren Fragen wird heftig diskutiert:
Soll ein offener Krieg gegen die Kirche angestrebt oder lediglich das Überleben der Mitgliedsstaaten abgesichert werden? Wieso wurden keine Truppen entsandt als eine kleine, eher unbedeutende, aber dennoch zur Liga gehörige Stadt angegriffen wurde?
Durch die dringend benötigte Atempause, welche die Invasion Britanniens der Liga verschaffte, konnte sich der Bund sammeln und seine Kräfte zusammenziehen. Dennoch scheint es unmöglich, dass die Urbanis Liga die Kirche jemals aus eigener Kraft in die Knie zwingen könnte - selbst nicht mit Thariels Hilfe. Der letzte verbleibende Raguelit schloss sich zwei Jahre nach Gründung der Liga an und arbeitet seitdem gegen die Kirche und die gottgewollte Ordnung.

Folgende Aufzählung beinhaltet die wichtigsten, einflussreichsten und größten Ligamitglieder: Aachen, Athen, Augsburg, Budapest, Cordova, Francofurt, Genf, Graz, Lion, Moskau, Malaga, Real, Salzburg, Wien und Zurik.
Gerne wurde die Liga weitere mächtige Mitglieder in ihrem Kreis willkommen heißen und wirbt beständig neue Partner. Momentaner Favorit ist wohl Luxburg, um deren Gunst die Liga mit dem Orden der Raphaeliten konkurriert. Auch über eine Kontaktaufnahme mit Restbritannien - den nicht eroberten, nördlichen Teilen der großen Insel - wird nachgedacht. Der unter den Mitgliedern übliche Informations- und Wissensaustausch würde wahrscheinlich beiden Seiten sehr zugute kommen.

Der Nordbund

In Skandinavien konnte sich unter der lockeren Herrschaft der Ragueliten über lange Zeit ein lockerer Zusammenschluss der verschiedenen Diadochen und Nomadenstämme bilden, da der Orden kaum von selbst eingriff solange man ihn nicht provozierte. Darum ließ es sich dort für Freigeister lange Zeit gut leben.
Die Situation änderte sich jedoch schlagartig als Trondheim fiel und das Lehen den Ramieliten zugesprochen wurde.

Der dicht besiedelte Süden mit dem dort bestehenden Südbund wurde unter der Leitung von Ordinator Exordi Ingvar Björkson innerhalb weniger Wochen vollständig ausgelöscht und sämtliche Gebiete der Herrschaft Ramiels zugeführt. Der Nordbund, eine lockere Allianz zweier Diadochen, sowie zahlreicher Nomadenstämme und vereinzelter Siedlungen, bot erbitterten Widerstand, aber die Ramieliten waren scheinbar kaum an dem dünn besiedelten, kargen Land interessiert, das zudem noch von wilden Räuberhorden durchstreift wird. Keine Heerscharen von Kirchenkriegern fielen in den Norden. Statt dessen durchstreifen Söldnertruppen unter der Leitung erfahrener Templer das wilde Land und schlagen immer wieder hart und unbarmherzig zu. Aufgrund ihres rücksichtslosen Vorgehens haben sich die Ramieliten dort nur Feinde geschaffen.

In Ostersund denkt Diadochin Sine derweil darüber nach, bei der Urbanis Liga Hilfe zu erbitten, bevor ihre Stadt doch noch dasselbe Schicksal ereilt wie Oslo, der ehemaligen Hauptstadt des Südbundes, von der heute nur mehr Ruinen zeugen. Nur wird die Liga kaum nur um des guten Willen wegens dem kargen und unwirtschaftlichen Skandinavien zu Hilfe eilen...

Die Neue Hanse

Nicht von Abweichlern, sondern von kirchentreuen Handelshäusern wird dieser mächtige Wirtschaftszusammenschluss gebildet. Die Neue Hanse ist kein politisches Werkzeug und folgt nur den Maximen der Wirtschaftlichkeit. Ihr alleiniges Interesse ist die Vermehrung des freien Handels. Mit ihren dickbauchigen Kogs und riesigen, stählernen Holks, sowie kleinen Dschunken gebieten die Hanseaten über Handel und Transport in ganz Europa. Aus diesem Grund wickelt die Kirche sowie auch die Urbanis Liga (und andere Bündnisse) ihren seegebundenen Warenverkehr beinahe ausschließliche über die Kaufleute der Neuen Hanse ab.
Bei diesen Mengen kann man schon mal den Überblick verlieren und übersehen, dass der Essener Stahl mit Kohle aus den Minen Met-Nancys verhüttet wurde, welchen wiederum Kindern aus den engen Stollen kratzen. Oder diese Tatsache zumindest leichter ignorieren, als wenn man selbst in diese elendigliche Stadt fahren müsste und die Kohle einkaufen.

Nicht nur in den Gründungsstädten Caput Gabrielis, Urbs Lipsia und Colonia Agrippinensis sind die Hanseaten darum gern gesehene Leute, dank ihrer Handelserlaubnis für ganz Gabrielsland steht ihnen nun auch endlich legal der Weg nach Britannien offen. In Raphaels- und Michaelsland finden sich ebenfalls Kontore in allen größeren Städten; lediglich im dünn besiedelten Urielsland und den streng kontrollierten Häfen unter dem Einfluss der Ramieliten sind die Hanseleute spärlich gesät.

Natürlich gibt es auch innerhalb dieser Organisation unterschiedliche Ansichten. Manche würden nur zu gerne eine Städtehanse gründen um endlich den politischen Einfluss zu bekommen der ihnen zusteht. So könnten sie an der Seite der angelitischen Kirche - und nicht unter ihrer Knute - ihr Handelsnetzwerk noch weiter ausdehnen und ihre Profite weiter mehren.

Stadtfeste

Auch in den Städten wird gefeiert. Unabhängige Enklaven haben dabei teilweise ihre eigenen, oder von den kirchenüblichen Festen abweichende Variationen entwickelt.