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Genesis Secunda
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BeitragVerfasst: 24.06.2004 - 12:08 
Zed
Zed
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Der Michaelit hatte seiner Schar noch für einen Moment hinterher gesehen, als der Monach sie wegführte. Dieser Tag war sehr ereignisreich gewesen und sie hatten wohl mehr als nur einen Schrecken zu verarbeiten. Leider ließ die Kirche und auch der Herr der Fliegen den Boten Gottes eigentlich nie wirklich Zeit, das Erlebte aufzuarbeiten. Um weiterhin Leistung erbringen zu können, ohne unterzugehen, musste ein Engel diese Dinge verdrängen, da ihm keine Zeit für anderes gelassen wurde. Auch ihm selbst hatten sie keine Zeit gelassen, sich angemessen von seinen Freunden zu verabschieden...

    I still remember the world
    from the eyes of a child
    slowly those feelings
    were clouded by what I know now

Nun wollte Tauriel ihnen wenigstens das Treffen mit dem Ab ersparen und ihnen die Möglichkeit geben, sich auch einmal ohne seine Anwesenheit zu unterhalten. Ihm war nur zu sehr bewusst, wie stark sich manche Engel durch die Gegenwart eines Michaeliten beobachtet und kontrolliert fühlten. Sein Orden hatte es wahrlich nicht leicht, in einer Schar als Bruder oder Schwester wirklich Fuß fassen zu können, doch viele provozierten es auch, zwangsläufig in eine Anführer-Gefolge-Sichtweise eingestuft zu werden.
Ja, sie hatten ihre Aufgaben und die musste auch jeder zuverlässig erfüllen können, aber manche vergaßen darüber, dass ihnen Gott neben ihren Mächten und Fähigkeiten auch Gefühle und freie Meinung gegeben hatte und dass genau diese Tatsache jeden Engel einzigartig machte – ebenso wie jedes andere Lebewesen.
Gefühle… die manchmal im Weg standen und gerade die geflügelten Boten des Herren oft in nahezu aussichtslose Situationen trieben und das nur aus Angst, sie würden etwas Verbotenes tun. Leider sahen das nicht nur die meisten Engel so…

    Where has my heart gone?
    an uneven trade for the real world
    I want to go back to
    believing in everything and knowing nothing at all

Wie schwer lastete doch das Wissen und die Erlebnisse auf so vielen seiner Art. Doch die Wunden wurden nicht gesehen, durften nicht sein. Stärke war alles, was zählte. Was war das schon für ein Bote Gottes, der weinend in einer Kirche vor dem Altar kniete? Verzweifelt und einsam. Nein, sie mussten stark sein, ohne Makel, Hoffnung bringend und furchtlos gegen den Herren der Fliegen antreten… immer wieder. Bis Gott sie letztlich – ausgelaugt, kraftlos, zerschunden und ihrer Träume beraubt – wieder in die Arme schloss, um sie vor der Welt zu schützen.

    I still remember the sun
    always warm on my back
    somehow it seems colder now

Mit jedem Kampf und jedem schmerzenden Verlust brachen sie Stück für Stück auseinander, bis nichts mehr blieb von dem strahlenden Bild eines trostspendenden Engels und sie endlich erlöst wurden. Doch wenn es eine Erlösung war, die letzte Weihe zu erhalten, warum fürchteten sich dann doch so viele der geflügelten Boten davor? Die Augen so vieler Engel wirkten tot, eisig, abweisend, als hätten sie mehr als nur ihre Hoffnung verloren. Doch wenn man einmal dahinter blicken konnte, offenbarte sich Schrecken, Angst – und meist ein kleines Kind, das sich verbarrikadierte.

    Where has my heart gone?
    trapped in the eyes of a stranger
    I want to go back to
    believing in everything


Ein leises Seufzen entwich Tauriels Brust, ehe er sich bewusst wurde, dass er nun schon eine ganze Weile in den bereits leeren Gang starrte, in dem die Anderen verschwunden waren. Ein Ruck lief durch den goldenen Engel, als er die Grübeleien wieder einmal aus seinem Denken verbannte. Nie für lange. Diese Überlegungen ließen sich immer weniger zurückdrängen.

Doch jetzt hatte er noch einen Teil seiner Aufgaben zu erledigen und so führten ihn seine zielstrebigen Schritte zum Zimmer des Abs, dem er Bericht erstatten wollte…


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BeitragVerfasst: 26.06.2004 - 13:14 
Oni
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Dashiel zog sein Flammenschwert aus der Scheide und kniete sich zu Iliniel.
"Ich denke, den Beiden sollten wir erst mal ihre Ruhe lassen.." meinte er mit einem kurzen Blick auf die Ramielitin und die Raphaelitin die beide einen äußerst erschöpften Eindruck machten.
Jedem sollte man die Möglichkeit lassen mit dem Tod umzugehen, aber in körperlich ausgelaugtem Zustand war man dazu noch weniger in der Lage als in gutem.

Der Gabrielit pluderte seine Flügel ein wenig auf und legte sein Schwert sachte vor sich auf dem Boden ab, es hatte ein wenig von einer Opfergabe und tatsächlich kam Dashiel sich bei jedem Gebet vor als würde er Gott einen Teil seine Seele darbieten.

Dann faltete er die Hände und begann er leise zu beten:

" Vater, ich rufe dich.
Herr, wie du willst, so führe mich.
Vater, du segne mich!

Wir hören Gottes Wort: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.
In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.
Wachet, denn ihr wisset nicht, wann es Zeit ist.
Kämpfe den guten Kampf des Glaubens, ergreife das ewige Leben, dazu du auch berufen bist.

Wir wollen beten:
Ewiger Gott, du bist unsere Zuflucht im Leben und im Sterben.
Wir danken dir für alles gute, dass du unseren beiden Geschwistern zeitlebens erwiesen hast. Nimm ihre Seele auf zum ewigen Leben.
Tröste ihre Schar und gib in unser Herz Glauben und Hoffnung.
Lass uns leben in deiner Kraft, leiden nach deinem Willen, sterben in deiner Gnade,
heimkommen in dein ewiges Paradies.

Miroel und Misariel,
Der Herr behüte eure Seelen!
Der Herr behüte euren Ausgang und Eingang von nun an bis in alle Ewigkeit!

Der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes gebe uns Frieden und ein festes Herz aus Gnaden.
"

An dieser stelle machte er eine kurze Pause. Er kannte so viele Totengebete, doch sosehr sie auch Trost zu spenden vermochten, keines reichte je vollkommen an aus.

"O Herr, du hast in deinem unaussprechlichen Ratschluss deine michaelitische Dienerin zu dir gerufen, daher bitten wir dich: Lass ihre Seele in deiner Obhut, an deiner Seite ihre Ruhe finden, auf dass sie als ein ewiger strahlender Teil in die Ewigkeit eingehe.

O Herr, gib, dass die Seele deines gabrielitischen Dieners, die du aus der mühevollen Schlacht dieses Erdenlebens herausgeführt hast, zurückkehrt zu dir, um endlich zu ruhen von ihrem langen Kampf.


Réquiem aetérnam dona eis, Domine:
etlux perpétua lúceat eis.
Te decet hymnus, Deus, in Sion, et tibi reddétur votum in RomaAeterna:
Esáudi oratiónem meam, ad te omnis caro véniet. *

Amen.
"


Der Gabrielit verweilte mit geschlossenen Augen auf seinen Knien, versunken in tiefe Gebete, die er im Geiste an seinen Herren sandte.



[*Herr, gib ihnen die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihnen. O Gott, dir gebührt ein Loblied in Zion, dir erfülle man sein Gelübde in RomaAeterna. Erhöhre mein Gebet; zu dir kommt alles Fleisch.]


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BeitragVerfasst: 26.06.2004 - 16:35 
Yezariael
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Die Welt um Taímel versank im Dunklen und nur Sekunden später betrat er, losgelöst von allem um ihn herum die Kathedrale der Gedanken.
Kilometerweit streckten sich Regale um Regale voll mit Büchern ins unendliche.

Nur durch große, bunt verglaste Fenster die wunderschöne Motive darstellten drang Licht von außen herein. Wunderschönes, herrliches Licht, das auch die hinterste, nahezu unerforschte Ecke erhellte. Zierliche Pfeiler ragten in die Höhe, trugen das Konstrukt, kreuzten sich, durchzogen die Decke, die viele Meter in der Höhe schwebte, mit einem Kreuzmuster.
Die Bücher enthielten alles Wissen, das je von Ramieliten gesammelt worden war. Alphabetisch geordnet, nach Inhalt, nach dem Bewahrer des Wissens standen sie, in Reih und Glied.

Hier war Taímels wahres Zuhause, der einzige Ort, an dem er sich losgelöst fühlte von allem irdischen, der Ort, für den der Herr ihn bestimmt hatte und sein Licht durchdrang hier alles.
Ein einziger, fast unscheinbarer Lichtstrahl war noch heller als das ihn umgebende Licht und nur für einen aufmerksamen Beobachter zeigte er den Weg zu jenem Wissen, welches den Ramieliten im Moment interessierte.

"Terror subterranus" hatte Tauriel die Kreatur genannt und auf dieses Schlagwort hin hatte das Licht reagiert.
Mit kräftigen Flügelschlägen erhob der Bewahrer des Wissens sich vom Boden. Hier war es kein Problem, seine Flügel zu benutzen, immer wieder hatte er das Gefühl, dass er nahezu von allein über dem gekachelten Grund der Kathedrale schwebte.
Mühelos folgte er dem Lichtstrahl, immer weiter nach hinten, die Regale voller Bücher entlang, bis er das fand, dass er suchte.

Autor: Transpiriel. Damals Mitglied der Schar Tauriels. Die gesuchte Kreatur war bis jetzt nur einmal gesichtet worden. Gesichtet an der Mittelmeerküste und vernichtet durch den Streiter und durch die Stimme des Herrn.
Fasziniert blätterte Taímel weiter. Es war auch ein Bild der Traumsaat zu sehen und tatsächlich: sie wirkte etwas größer, als jene, die den Engeln begegnet war, ansonsten waren jedoch kaum Unterschiede zu merken.
Mit größter Wahrscheinlichkeit handelte es sich um die gleiche Art von Kreatur.
Nur sehr wenig Text stand jedoch daneben, aber der hochgewachsene Engel nahm sich die Zeit um alles durch zu lesen. Jeder einzelne Punkt konnte wichtig sein.
Doch die einzige wesentliche Information, die der Ramielit finden konnte war, dass diese Art der Traumsaat anscheinend ein Zeitparadoxon auslöste. Als wäre erst eine Sekunde vergangen und dabei hatte sich die Sonne schon mehr als eine Stunde weiterbewegt.
Und gleich im Anschluss an diesen Bericht waren auch schon die Erlebnisse Taímels und seiner Gefährten zu lesen. Erst jetzt, sozusagen im Rückblick bemerkte er, dass auch sie diese Zeitanomalie erlebt hatten.
Seltsam.... Zeitanomalie... Dieser Gedanken ging nicht aus seinem Kopf...
Nun – im Moment hatte der Bewahrer des Wissens die Zeit also würde er noch weiter nachforschen. Vielleicht gab es doch noch einiges interessanteres zu lesen.

Kurz flackerte das Licht, das den Raum durchdrang und gleich darauf tauchte ein neuer Lichtstrahl auf, führte zu einem weiteren Thema, zu einem weiteren Buch.
Wieder glitt der Engel auf seine Flügeln nahezu wie von allein durch den Raum, suchte eine andere Abteilung der riesigen Bibliothek auf. Wie jedes Mal fühlte er die Versuchung, einfach hier zu verweilen, nicht mehr in die reale Welt zurück zu kehren. Und für den Moment gab er ihr nach. Schlug das nächste Buch auf.

Brutmuttern? Die Kathedrale kannte nur noch eine einzige Art der Traumsaat von welcher vermutet wurde, dass sie solche Zeitsprünge verursachen konnte. Nur wenige hatten sie bis jetzt in Natur gesehen, denn Brutmuttern wohnten tief im Brandland, umgeben von vielen Verteidigern, von Rauch und Feuer...
Die Bilder zeigten nur zu deutlich, wie schwer es wohl war, überhaupt so weit in das vom Fegefeuer versengte Land vor zu dringen. Riesige Kreaturen, wohl irgendwie im Boden vergraben, unbeweglich mit Mauldurchmessern von 100 Metern und wahrscheinlich noch mehr.
Nicht nur einer der beschreibenden Ramieliten hatte die Vermutung gehegt, dass diese Brutmuttern als Ursprung aller Traumsaat auf Erden galten. Auf eine Art und Weise die bis dato unbekannt war, ausgespuckt, geboren aus den tiefsten Abgründen der Verdammnis, gesandt, Tod und Vernichtung über die Schöpfung des Herrn zu bringen.

Schon früher hatte Taímel, der lange Zeit seines Lebens mit dem Erforschen der verschiedensten Arten der Traumsaat verbracht hatte von diesen Kreaturen gehört, und auch seine Theorien zu diesem Thema waren in dem Buch, dass er gerade las vermerkt. Doch bis jetzt hatte er sie noch nie mit dem vorhin gesehenen Wurm in Verbindung gebracht. Das war es wohl gewesen, was ihm die ganze Zeit im Kopf herum gespukt war, ohne dass er es hätte genauer bestimmen können.
Immer noch spürte er die Versuchung, hier zu bleiben. Nie wieder das Ärgernis mit anderen Engeln, nie wieder die anstrengenden Flüge, im Dienste des Herrn. Nie wieder die Unfähigkeiten, Unzulänglichkeiten der anderen miterleben. Das gesammelte Wissen der Ramieliten bewahren, sortieren.

Da stieg vor seinem inneren Auge ein Bild auf. Im ersten Moment konnte der androgyne Engel dieses Bild gar nicht zuordnen. Blonde Locken, unbändigbar, fielen immer wieder zurück ins Gesicht.. Dann erkennen... Was...? Warum...? Und auf einmal drängte eine Stimme Taímel nicht länger hier zu bleiben. Als gäbe es etwas in der Außenwelt, das noch wichtiger war.

Einen Augenblick später schlug der Bewahrer des Wissens etwas verwirrt, desorientiert, seine Augen auf. Und sah zwei seiner Geschwister in der Mitte des Raumes knien, als hätten sie gerade ein Gebet beendet...


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BeitragVerfasst: 27.06.2004 - 13:23 
Zed
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Tauriel trat aus dem Büro des Abs und sah den Gang entlang, ehe er an das Geländer der Galerie trat und in den Hof hinab sah. Langsam legte er seine feingliedrigen Hände auf das dunkle Holz, das sich seltsam vertraut anfühlte. Wieder spürte der Engel die ehrfürchtigen Blicke der Menschen dort unten auf sich. Und in diesem Moment fühlte er sich schlecht. Was gab ihm das Recht, sich über sie zu stellen? Musste nicht eigentlich er ihnen dankbar sein, dass sie mit ihrem Vertrauen in die Boten Gottes und ihrer Zähigkeit erst all das möglich machten? Dass sie es waren, die die Menschheit im Endeffekt am Leben hielten?

Ein erfreutes Lächeln fing auf dem ebenmäßigen Gesicht an, sich auzubreiten, als Tauriel dort unten einen kleinen, blonden Jungen entdeckte, der mit einem Funkeln in den Augen zu ihm hochwinkte. Und der goldenen Engel ließ es sich nicht nehmen, zurück zu winken. Es wäre so schön, wenn man immer so leicht Freude in die Augen der Menschen zaubern könnte.
Gut, bei Engeln wäre das ncoh schöner...

Mit einer eleganten, fließenden Bewegung zog sich der Michaelit schließlich vom Geländer zurück. Er wollte noch nicht zu den anderen in die Scharcella gehen. Das Einzige, was sie im Moment wirklich brauchten, war Ruhe. Eine Pause von ihren Pflichten, ohne daran großartig erinnert zu werden. Für eine Besprechung blieb immernoch Zeit...

Die schwere Eichentür schien sich knarrend und quietschend zu beschweren, als Tauriel sie aufdrückte. Die ewige Feuchtigkeit setzte den Angeln und Bohlen schwer zu und das teilte einem beinahe jede Tür immer wieder mit. Der Steinboden fühlte sich angenehm kühl unter seinen nackten Füßen an - etwas, das auch sein gemüt gebraucht hätte ... Abkühlung. Irgendwie dachte er an viel zu viel... und doch nur an etwas, das so absolut gar nichts mit seinem Auftrag zu tun hatte!
Die schwere Tür wurde ins Schloss gedrückt und somit jedes Geräusch ausgeschlossen. Die blaugrünen Augen wanderten über die steinernen Säulen hinauf in das Gewölbe der kleinen Kirche, das den Blick automatisch nach vorne zog... auf den Altar und die Statuen der Erzengel, deren marmorne Erhabenheit neben der Stärke auch unbarmherzige Härte ausstrahlte.

Tauriel ließ sich von der Ruhe des Ortes einfangen, faltetete seine Schwingen eng zusammen und wanderte lautlos durch das Kirchenschiff. Wie so oft in den Gotteshäusern hatte er das Gefühl, hier den Hohen alle Geheimnisse anvertrauen zu können. Als wäre dies ein geheimer Ort und doch für Jedermann zugänglich. Jeder trug seine Wünsche, Sehnsüchte und auch Sünden hierher, um Rat und Beistand zu suchen.
Langsam ließ sich der goldene Engel vor dem Altar auf die Knie sinken, wobei sich die Schwingen wie von selbst aufstellten, um nicht im Weg zu sein. Das blendende Weiß der Federn stand im absoluten Kontrast zu dem dunklen Stein, ebenso, wie ihre weiche, seidige Struktur ein Gegenteil der Härte und Grobheit des Gesteins darstellte. Durch die großen, buntverglasten Fenster fielen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne und tauchten die Szene in ein direkt märchenhaftes Licht.
Die Stimme senkte den Kopf zu einem lautlosen Gebet und die goldblonden Locken fielen wie so oft in sein Gesicht, verdeckten die geschlossenen Augen der beinahe von sich aus schimmernden Gestalt. Wie immer waren es keine direkten Worte, die der Michaelit an die Hohen sandte. Er legte ihnen seine Gefühle und seine Bedenken dar, öffnete einfach seinen Geist. Vielleicht war das ungewöhnlich für einen der goldenen Engel, doch Tauriel hatte eigentlich schon immer Probleme mit Worten gehabt. Manchmal drückte Schweigen und ein Blick mehr aus, als tausend Worte...

Erst einige Minuten später sah Tauriel wieder auf. Er hatte den Entschluss gefasst, doch jetzt gleich noch ein Gespräch zu führen. Vorsichtig tastete er hinaus und meldete sich leise bei dem Ramieliten.

Taímel, würde es dir etwas ausmachen, jetzt noch mit mir unter vier Augen zu reden? Wenn nicht, dann komm bitte in die Kirche des Klosters.


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BeitragVerfasst: 27.06.2004 - 15:14 
Jenny
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Iliniel war Dashiel sehr dankbar, dass er sich zu ihr begab und mit ihr betete. Dass der Ramielit und Niniel nicht daran teilnahmen, schmerzte sie, aber sie waren sehr erschöpft und auch dies war irgendwie verständlich. Schließlich spürte ja auch die Urielitin selber die Müdigkeit.

Ihre Hände zitterten stark, als sie diese zum Gebet faltete. Als Dashiel die Gebete sprach, stimmte sie mit in die Gebete ein, die sie kannte. Sie war ihm hierfür sehr dankbar.

Nachdem sie auch eine angemessene Zeit danach im stillen Gebet verbrachte hatte, stand sie wieder langsam auf ... es wurde ihr tatsächlich dabei schwindelig. Sie schüttelte etwas den Kopf, um die tanzenden Funken vor ihren Augen zu vertreiben und setzte sich wieder auf den Hocker. Sie massierte sich mit ihren Fingerspitzen die Schläfen. Das Schwindelgefühl hörte nicht auf ... am liebsten wäre sie hinaus an die frische Luft ... aber sie fing dann an, sich auf die Meditation zu konzentrieren ... sie durfte nicht einschlafen ... das war etwas, wovor sie sich wirklich fürchtete.


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BeitragVerfasst: 27.06.2004 - 15:54 
Yezariael
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Ohne sich um die anderen Engel zu kümmern stand Taímel auf. Nach jedem Besuch in der Kathedrale fühlte er sich ausgeruht und wohl. Fast so als hätte er die Zeit mit Meditation verbracht und tatsächlich: für den Ramieliten war der Unterschied nicht so groß. Jedenfalls nicht groß genug um wesentlich ins Gewicht zu fallen.

Und ohne ein Wort zu sagen verließ er die Scharcella. Er wollte jetzt etwas allein sein. Nun - allein sein war leichter gesagt als getan, denn das Kloster wimmelte immer noch vor Menschen, die hier vor den Säurepfeifern Zuflucht gesucht hatten.
Noch dazu blickten sie ihn alle an, als wäre er allein zu ihrer Rettung hier. Angewiedert schüttelte der Bewahrer des Wissens seine Flügel. Bloß weg hier... nur.. wohin?

Da hörte er wieder diese Stimme in seinem Kopf. Doch ein Zeichen dass er etwas Zeit gehabt hatte zum Ruhen war, dass ihm äusserlich nichts anzusehen war. Seine Gesichtszüge hatte Taímel wieder vollständig unter Kontrolle. Und da er im Moment nichts besseres zutun hatte - ausserdem war in der Kirche wohl etwas Ruhe zu finden - machte er sich auf den Weg.

Erst nach einiger Zeit - und leider hatte er zwischendurch einen Menschen nach dem Weg fragen müssen - erreichte der hochgewachsene Engel dann tatsächlich die Klosterkirche. Schwere hölzerne Portale verschlossen den Eingang, verziert mit Schnitzereien, die anderen wohl schön vorgekommen wären. Und wahrscheinlich hätte sogar Taímel ein leichtes Gefühl der Bewunderung verspürt, doch mit seinen Gedanken war er im Moment an einem ganz anderen Ort, so dass er sie nicht einmal bewußt wahrnahm.

So drückte er die Tür einfach nur leise auf, betrat die Kirche und verschloss die Tür auch sofort wieder.
Tauriel kniete vor dem Altar - anscheinend war auch er ins Gebet versunken. Doch der Bewahrer des Wissens scherte sich nicht weiter darum. Schließlich hatte der andere ihn hierher gebeten.
So ging der hochgewachsene Engel leisen Fußes durch das Kirchenschiff, blieb neben dem Altar stehen, den Blick auf ihn, der so war wie Gott, gerichtet, eine Augenbraue fragend hochgezogen: "Du wolltest?"


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BeitragVerfasst: 30.06.2004 - 01:56 
Zed
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Die Stille in dieser Kirche wurde durch leise Schritte gebrochen und Tauriel erschrak fast etwas – doch nicht über das Geräusch an sich, sondern über die Tatsache, dass er genau wusste, wer da kam. Und nur wenige Augenblicke darauf erklang auch die Stimme des Engels, dessen Geschlecht nicht einmal der doch schon recht alte Michaelit sicher bestimmen konnte. "Du wolltest?"
"Was ich will, sollten wir lieber außen vor lassen." Tauriel erhob sich mit einem leisen Rascheln der Federn und sah den Ramieliten mit einem hauchfeinen Lächeln an, was man jedoch in dem dämmrigen Licht im Inneren des Kirchenschiffes auch als eine Illusion abtun konnte. "Ich habe dir schon während des Fluges einige Fragen gestellt und du hattest mir angeboten, hier im Kloster zu reden. Wirst du mir nun Antworten darauf geben?" Die angenehme Stimme war leise, wohl artikuliert und in keinster Weise erinnerte der Tonfall an einen Befehl.

Taimel nahm wohl das leichte Lächeln des Michaeliten wahr, ignorierte es jedoch schlichtweg. Immerhin freute es ihn, dass dieser nicht über die Seele der Schar zu ihm gesprochen hatte. Fast hätte es dem hochgewachsenen Engel leid getan, wäre er auch mit diesem Engel gleich zu Beginn wieder zusammengestoßen. Um aber auf dessen Fragen zurückzukommen...
"Ähnliche Vorkommnisse: Erst einmal wurde eine ähnliche Kreatur gesichtet und das Wissen deines ehemaligen Ramieliten darüber ist in der Kathedrale der Gedanken wohl aufbewahrt. Es gibt Kreaturen, die ein ähnliches Zeitparadoxon auslösen können, doch leben diese tief im Brandland versteckt, bis jetzt nur selten gesichtet. Unsere Schar wurde gerade erst frisch zusammengestellt." Dieser kurze Satz sollte reichen um das Verhältnis der Engel untereinander zu beschreiben. Der Bewahrer des Wissens wollte nichts sonst erzählen, denn sein Wissen bewahrte er wohl, doch teilen wollte er es nur selten...

Tauriel nickte und die blaugrünen Augen schweiften in der Kirche umher, bis sie auf der Statue Michaels hängen blieben, die stolz und erhaben inmitten der anderen Erzengel thronte. Wie er diese Darstellung seines Erzengels hasste. "Welche Fehler hat meine Vorgängerin in dieser Schar deiner Meinung nach begangen?"

Fehler, die Miroel begangen hatte? Nun - welche Fehler hatte sie NICHT begangen, war wohl die eher angebrachte Frage. Kurz fasste Taimel die Geschehnisse der letzten Tage in seinem Kopf zusammen, bevor er, wohlüberlegt begann zu sprechen: "Zu vertrauensselig. Zuviel gefordert von Engeln, deren Schwächen sie nicht kannte. Aufteilung der Schar in einem kritischen Augenblick. Einteilung der Engel für Aufgaben, die nicht ihrem Können angebracht waren.“ Und natürlich die Tatsache, dass sie sich einfach nicht aus dem Kopf des Ramieliten zurückhalten hatte können. Doch das würde hier keine Erwähnung finden, es sei denn, auch Tauriel würde unerlaubterweise und ungefragter weise die Seele der Schar benutzen.

Der Michaelit seufzte leise. "Das hört sich nach einer Auflistung der schlimmsten Vergehen an..." Er wandte sich wieder an Taimel und sein Blick war skeptisch. "Was ich vor allem nicht verstehe, ist ihre Entscheidung, mit einer ausgelaugten Raphaelitin zur Traumsaatbekämpfung zu fliegen... zum Glück wart ihr nicht wirklich auf sie angewiesen - diesmal." Es verstrichen einige Momente, in denen Tauriel den hochgewachsenen Engel einfach nur ansah. Der Ausdruck in den blaugrünen Augen veränderte sich, als würde der goldene Engel an etwas denken, das nichts mit dem eben Gesagten zu tun hatte, als wäre er weit weg und doch nur in der Betrachtung des Ramieliten versunken. Mit einem Ruck riss sich Tauriel los und suchte sich schnell einen Fixpunkt auf dem Altar, während die schlanken Finger wieder einmal vergeblich versuchten, eine widerspenstige Locke hinter das Ohr zu bannen. Er bemühte sich, nun neutral-konzentriert auszusehen, wobei jedoch seine Augen nicht ganz mitzuspielen schienen.

Seltsam. Warum nur schien Tauriel andauernd abwesend? Leichte Zweifel über die Führungskraft des Michaeliten breiteten sich in Taimel aus. Zu oft hatte er sie, die angeblich so waren wie Gott, zweifeln, stürzen, versagen sehen. Zu oft, um noch an sie zu glauben. Doch nichts von diesen Gedanken spiegelte sich in der neutralen Miene des Ramieliten wieder.
Leise begann er wieder zu sprechen: "Niniel und ich wurden im Kloster zum Heilen zurückgelassen, während die anderen vorflogen. Erst nachdem sie schon erschöpft war, durften wir ihnen folgen."

Tauriel nickte. "Das hatte ich mir gedacht, denn unter all den Menschen hier habe ich keinen gesehen, der die provisorischen Tragen für Verletzte rechtfertigen würde, die noch immer im Hof liegen. Leider hat sie keine Zeit mehr, aus ihren Fehlern zu lernen..." Nachdenkliche Stille. "Doch nun zu etwas anderem." Jetzt sah er Taimel fest in die Augen - ohne Zögern und ohne verträumtem Blick. "Das werde ich auch später noch einmal vor der versammelten Schar ansprechen, aber dir kann ich es auch jetzt schon antragen: In meinen Augen ist die Seele der Schar nichts, das zum gemütlichen Plaudern oder sinnlosem Gerede von Gott ersonnen wurde. Ich lege Wert darauf, dass sie lediglich im Kampf, während des Fluges, unter Menschen, bei entfernteren Scharmitglieder oder ähnlich rechtfertigenden Situationen eingesetzt wird. Somit auch nicht, wenn man mir direkt gegenüber steht oder gar in einer Scharbesprechung."

Ohne im geringsten zurück zu weichen hielt Taimel den Blick des anderen Stand. Er hatte nichts zu verbergen. Nun - fast nichts zumindest. "Ich bevorzuge es, wenn überhaupt niemand ungefragt in meinen Kopf eindringt." Damit waren wohl genug Worte zum Thema "Seele der Schar" gewechselt...

"Nur wenn es sein muss, das verspreche ich." Die großen Augen mit den auffallend langen Wimpern musterten Taimel nachdenklich. Warum musste dieses Gespräch wieder nur über ihre Pflichten sein? Konnte... sollte man mit einem Ramieliten überhaupt über etwas anderes reden? Taimel kam ihm sehr verschlossen vor, abgekapselt von der Welt - wie so viele andere Engel auch. Und doch schien es ihm, als würde er in diesen dunklen Augen ab und an einen Funken aufblitzen sehen.
"Dashiel und ich sind mit einem speziellen Auftrag hergekommen...", fing er schließlich an, um wieder auf andere Gedanken zu kommen - natürlich wieder nur die Pflicht.

"Es wurde befohlen, dich in jeder Hinsicht zu unterstützen. Die anderen wissen noch nichts von diesem Auftrag." Etwas Neugier stahl sich nun in die haselnussbraunen Augen des Ramieliten. Augen, die viel zu sanft für dessen oft jähzorniges Gemüt in die Welt zu blicken schienen. Und die oft, viel zu oft, so sehr Taimel sich auch bemühte, dem aufmerksamen Beobachter viele Geheimnisse seiner Seele verraten konnten.
Neugier, die er jedoch nie laut äußern würde... Und so schob er dieses Thema etwas auf die Seite, fing wieder an, von den anderen zu reden: "Musst du sonst noch etwas wissen?"

Wieder ein leichtes Nicken, diesmal fast etwas traurig, denn der Kopf blieb leicht gesenkt, während die grün funkelnden Augen zur Seite auf den dunklen Steinboden neben dem Altar sahen. Warum stimmte ihn die Tatsache mit diesem Befehl traurig? Tauriel verstand sich selbst nicht mehr. Er war doch einer der berühmteren Michaeliten im ewigen Rom. Seine Aufträge waren allesamt von höchster Priorität. Wieso also sollten sie nicht eine Schar anweisen, ihn zu unterstützen? War es vielleicht deshalb, weil Taimel unter Umständen ihm nur deshalb bis hierhin ohne zu widersprechen gefolgt war? Schnell verscheuchte er diesen ungewohnten Gedankengang und sah wieder auf. "Unser Auftrag betrifft ein Buch. Dashiel hat es einer der Leichen abgenommen. Du sollst mir vorlesen, was darin steht. Ich muss eine bestimmte Stelle finden, die du dann dem Himmel melden sollst ... eigentlich haben wir schon viel zu viel Zeit verloren. Normalerweise arbeiten wir effizienter, aber seit meine letzte Schar größtenteils die höchste Weihe wahrnehmen durfte, ist unser Arbeitsrhythmus etwas ins Stocken geraten." Tauriel räusperte sich und ließ seinen Blick weiterhin in den Augen des anderen ruhen. Würde er ihm noch mehr verraten?

Leicht verhärtete sich der Ausdruck in Taimels Augen als der andere begann von seinem Auftrag zu reden. Doch dies war die Pflicht der Gesandten des Herrn auf Erden. Und auch diese Mission würde wahrscheinlich weiter zur Vernichtung des Herrn der Fliegen beitragen. Warum nur konnte er trotzdem ihm dieser Auftrag bewusst war, den Blick des anderen nicht loslassen. Konnte nicht wegschauen.
Was war so besonderes an diesem Michaeliten, dass er den einsiedlerischen, eigenbrötlerischen, zurückgezogenen Ramieliten in seinen Bann zog? Mit Gewalt, mit purer Willensanstrengung wich der Bewahrer des Wissens dann doch zurück. Viele Gedanken schwirrten in seinem Kopf, doch seine Miene verhärtete sich, wurde abweisend. Gefühle durften nicht zugelassen werden!
"Dann gehen wir dieses Buch anschauen." Mit einem Ruck drehte Taimel sich um, in Richtung Kirchentür. Und an jeder seiner Bewegungen konnte man erkennen, dass er wieder zurück in seinen Panzer gefunden hatte. Jenen Panzer aus Eis, der normalerweise immer sein Innerstes schützte.

Tauriel sah ihm nach, rührte sich nicht. Als Taimel die vierte Bankreihe erreichte hatte, meldete sich der Michaelit doch noch einmal zu Wort. "Eine Frage hätte ich noch..." Er musste hier vor dem Altar seine Stimme nicht einmal merklich erheben, um gut verstanden zu werden, die Akustik des Kirchenschiffes arbeitete für ihn. Und obwohl der Tonfall fest war, schwang doch so etwas wie Bedauern in ihm mit. Bedauern darüber, Taimel in sein Innerstes vertrieben zu haben - eine versteckte Entschuldigung, deren offene Äußerung sicherlich als Schwäche des Scharführers gegolten hätte. "Ich würde gerne deine eigene Meinung über meinen Orden hören ... über mich. Deinen Rat, was ich besser machen kann, um ein erneutes Desaster abzuwenden."

Kaum hatte Taimel nochmals die Stimme des Michaeliten vernommen, als er auch schon stehen blieb, als wäre er gegen ein Hindernis gelaufen. Er hörte dessen Worte, verstand den Sinn. Auch das leise Bedauern entging ihm keineswegs. Und doch wagte er es nicht, sich jetzt umzudrehen. Der Ramielit war kein Freund vieler Worte. In Prag war er oft lange Tage hintereinander nahezu stumm, versunken in seine Studien.
"Es heißt, dass Gott die Michaeliten als Führer der Scharen in diese Welt geschickt hat. Doch oft scheint er seine Wünsche in die falsche Form zu fassen." Nur diese Worte. Nicht mehr würde er zu diesem Thema sagen. Das Temperamente des hochgewachsenen Engels war heute schon einmal mit ihm durchgegangen und nochmals würde er eine solche Schwäche nicht zulassen.
Immer noch vom Altar abgewandt blieb er stehen. Wartete auf eine Reaktion Tauriels.

Einige Sekunden verstrichen, ohne dass auch nur der kleinste Laut zu hören war. Doch dann schlich sich ein leises Rascheln in die Stille, als Tauriel plötzlich neben Taimel stand und ihn mit traurigen Augen von der Seite her ansah - nicht gebeugt oder niedergeschlagen, nur traurig. Die folgenden Worte waren leise, nur für den Ramieliten bestimmt und doch noch kein Flüstern. "Ich wollte nicht wissen, was die Lehre sagt. Ich habe dich um deine eigene Meinung gebeten, nichts weiter... aber du hast recht, ich muss sie nicht wissen, sie hat mich nur interessiert. Mich, nicht die Kirche..." Noch für einen weiteren Moment ruhte der gerade viel zu sanfte und offene Blick auf Taimel, ehe Tauriel die Augen schloss und sich langsam zu Gehen wandte.

Konnte er ihn... konnte Taimel den Michaeliten so gehen lassen? Trotz der Gefühlskälte um die der Ramielit sich bemühte, das schaffte er nicht. Tief hatte der letzte Blick den Engel getroffen und irgendetwas in ihm ausgelöst. "Warte."
Nur dieses eine Wort sprach er. Doch damit verbunden, mit dem Tonfall verbunden war eine Bitte. Die Bitte um Verständnis, die Bitte um Verzeihung.
Und dann wusste er nicht mehr weiter. Konnte nicht die richtige Worte finden um das auszudrücken, was er sagen wollte. Den Ramieliten wurde die Beherrschung des Wortes auf dem Papier gelehrt. Doch nie hatte jemand behauptet, dass damit auch die Beherrschung der Sprache mit einherging.
So blieb er einfach stehen. Hoffte. Wartete, dass der Michaelit das Richtige tat.

Auch Tauriel blieb stehen, fixierte kurz den Boden und schluckte, ehe er sich umdrehte und zu dem geschlechtslosen Engel sah, der ihn mehr verwirrte, als es sonst jemals bei jemandem der Fall gewesen war. Es waren vielleicht zwei Schritte, die sie trennten, und doch hatte der Michaelit das Gefühl, als wäre er viel zu weit von dem anderen entfernt. "Ja?", flüsterte er fast tonlos.

"Ich..." Taimel wusste einfach nicht mehr, was er hatte sagen wollen. Wovon hatten sie gerade geredet? Noch nie hatte ein derartiges Chaos in seinem Kopf geherrscht. Und das allermerkwürdigste war: Trotz dieses Chaos fühlte er sich nicht im geringsten unwohl. Eher das Gegenteil.
"Ich..." wieder wusste der Ramielit nicht weiter. Warum konnte er das, was er wollte, nur nicht mit Worten ausdrücken?
Und das Einzige, was seinen Mund verließ, das Einzige, was er jetzt sagen konnte, war: "Ich... ich weiß, dass du keine Fehler machen wirst." Wieder war eine blonde Strähne in das Gesicht des Michaeliten gefallen. Und auf einmal konnte der Bewahrer des Wissens den Anderen nicht mehr ansehen. Starrte auf den Boden, fixierte einen Punkt im Nichts. Und verbarg auf diese Art und Weise auch seine verräterischen Augen.

Tauriel war wie vom Donner gerührt. Unfähig, sich zu bewegen oder etwas zu sagen. Er, die Stimme der Schar, wusste nicht, was er sagen sollte! Es war, als hätte Taimel mit diesen wenigen Worten... nein, nicht einmal damit... einfach nur durch diese Reaktion sein Denken leergefegt - und es doch vollgestopft mit mehr, als er gerade imstande war, zu verarbeiten.
Ein feines Glitzern trat in die blaugrünen Augen, die so unendlich viel sagten und doch nur eines ausdrückten: Simples Glück. Dieser eine Moment war der kostbarste, den er bis jetzt in seinem Leben gehabt hatte. Und das reine Gefühl drohte, ihn zu überwältigen, einfach hinwegzuspülen.
Eine leise Stimme in seinem Hinterkopf ermahnte ihn, zählte Konsequenzen auf, die allesamt auf der roten Liste standen. Doch er ignorierte sie, kam sie doch viel zu spät.
Tauriel merkte erst, dass er sich bewegt hatte, als er direkt vor Taimel stand - nur noch höchstens einen halben Meter von ihm entfernt - und ein vorsichtiges Lächeln auf seine Lippen fand, über die von der leisen, samtenen Stimme getragen nur ein Wort tropfte: "Danke..."

Nein. Was tat er da? Mit einem Mal kam Taimel zu Bewusstsein, wo sie waren. Nahezu körperlich schmerzhaft fühlte er die Blicke der Statuen rundherum auf sich ruhen. Die Erzengel, die auf dem Altar thronten beobachteten sie. Hoch richtete der Ramielit seinen Kopf auf. Eiskalt wurde seine Miene und nichts war mehr daraus zu lesen. "Das Buch..." Gefühle durften nicht zugelassen werden.
Gefühle würden diese Mission verderben. Gefühle hatten Miroel getötet. Und beinahe hätte er den gleichen Fehler gemacht.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ohne noch einen weiteren Blick auf Tauriel zu werfen ging der androgyne Engel auf die Kirchentür zu. Falls der andere noch etwas sagte, er hörte es nicht. Wollte es nicht hören.
Lautlos schwang die Kirchentür auf und Taimel betrat wieder eine lärmende, von Menschen, fehlerhaften, lästigen Menschen überfüllte Welt.

Wie dieser Engel verließ auch das Gefühl den Michaeliten, verkroch sich erneut in die Schlupfwinkel seines Selbst, die gut versteckt hinter den Masken seines Ordens immer verzweifelter darauf warteten, ihre kostbaren Schätze preis zu geben. Das Lächeln wurde bitter und freudlos, die einstmals strahlenden Augen matt und oberflächlich. 'Ich weiß, dass du keine Fehler machen wirst...', hallte es in Tauriels Kopf nach. Aber hatte er das nicht gerade getan? Vielleicht hatten ihn die Hohen strafen wollen. 'Himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt.' Das war es doch, oder? Wobei eigentlich besser 'Zuckerbrot und Peitsche' passte.
Ein schneidender, eiskalter Blick traf die Statuen über dem Altar. Was zählte, war immer nur ihre Pflicht, nie ihr Innenleben. Es wurde erwartet, dass sie so wurden wie diese Statuen. Nach außen makellos perfekt, gefühllos und ohne jedes Leben im Inneren. Funktionierende Schachfiguren in dem ewig währenden Kampf gegen den Widersacher.
Tauriel schluckte den Hass hinunter, bevor er Fuß fassen konnte, wandte sich dann abrupt um und verließ mit geschmeidigen Bewegungen - nun wieder völlig das Idealbild eines Michaeliten - das Haus Gottes.
Diesmal hatte er dort keinen Trost gefunden... es war etwas viel Wertvolleres gewesen, etwas, das ihm wirklich viel bedeutete. ...und es fast im selben Moment auch wieder verloren. Ob es besser so war? Doch all diese Überlegungen erreichten nicht wirklich den Engel, wurden nur von dem kleinen Jungen in den Tiefen der Seele hinaus geschrieen, der wie so oft verzweifelt und erfolglos gegen seine Fesseln kämpfte.


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BeitragVerfasst: 30.06.2004 - 23:46 
Yezariael
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Mit eisiger Miene bahnte Taímel sich einen Weg durch das Kloster. Versuchte mit möglichst wenigen von diesen Menschen in körperlichen Kontakt zu treten. Es war schon schlimm genug, dass soviele davon hier herumrannten - er wollte nun wirklich nicht, dass sie noch ihren Schmutz in seinen Kriegsrock rieben oder ähnliches.

Innerlich war er immer noch aufgewühlt von dem seltsamen Gespräch eben und nichts was er je gehört oder gelesen hatte ließ sich wohl damit vergleichen. Und doch waren seine Gesichtszüge unbewegt, zeigten nichts von den Gefühlen die hinter dieser starren Maske tobten.

Schon nach kurzer Zeit hatte er die der schar zugeteilte Cella wieder erreicht, öffnete die Tür und betrat sie.
Hier schien es, als hätten die anderen sich nicht einen Millimeter weiterbewegt seit der Bewahrer des Wissens den Raum verlassen hatte.
Und so stillschweigend wie er gegangen war kam er auch wieder zurück.
Setzte sich auf seinen Hocker und begann mit seiner Meditation.
Versuchte, seine Kraftreserven wieder etwas auf zu frischen. Denn nur seine Müdigkeit konnte wohl Schuld an der Szene von vorhin sein...


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BeitragVerfasst: 02.07.2004 - 00:10 
Zed
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Scheinbar völlig gelassen und ruhig, mit einem leichten Lächeln auf den schmalen Lippen betrat nur kurze Zeit später auch Tauriel die Scharcella. Die äußere Erscheinung des Michaeliten erweckte beinahe den Eindruck eines goldenen Schimmers, der über dem Engel lag, doch diesmal strahlte es keine Wärme aus, sondern disiplinierte Erhabenheit. Ein stolzer Anführer ohne Überheblichkeit.

Die Tür wurde mit einem leisen Klicken ins Schloss gezogen und Tauriel ließ kurz einen abschätzenden Blick über seine Schar gleiten. Iliniel und Dashiel waren wie es schien ins Gebet vertieft, währen Niniel erschöpft auf ihrem Hocker saß. Bei Taímel blieb der Blick für einen Moment hängen, doch der neutrale Ausdruck blieb - wenn auch nur äußerlich. Der Anblick des Ramieliten tat jetzt weh, aber wieso? Fast hätte er doch geseufzt und nur im letzten Augenblick wandelte der Michaelit es in ein Luftholen, um zum Sprechen anzusetzen.

"Ihr habt größtenteils einen anstrengenden Tag hinter euch, daher solltet ihr euch jetzt zur Ruhe begeben. Wir haben morgen eine keineswegs einfach zu besiegende Traumsaat zu vernichten und das können wir nur zusammen und auch nur in ausgeruhtem Zustand schaffen. Daher meine Bitte, euch so bald wie möglich der Meditation zu widmen."

Während er sprach, sah er jeden Einzelnen der Engel an, auch wenn diese den Blickkontakt nicht erwiderten. Tauriel war sich bewusst, dass man seinen Blick spüren konnte, wenn man wusste, dass die blaugrünen Augen auf einem ruhten.

"Wir werden morgen mit dem Licht wieder zu dem verseuchten Dorf zurück kehren. Das heißt, dass wir noch vor Sonnenaufgang eine Scharbesprechung abhalten werden. Die Zeit bis dahin sollte genügen, um ausreichend Ruhe zu finden."
Fünf Stunden durchgehende Meditation reichten einem Engel normalerweise, um wieder zu Kräften zu kommen. Verletzt war ja nach den neuesten Erkenntnissen keiner von ihnen gewesen.
Doch dann stellte sich heraus, dass er den Vorschlag vor allem Iliniel und Niniel ans Herz hatte legen wollen, die sich wirklich verausgabt hatten und dringend der Ruhe bedurften. Denn der ebenmäßige Engel wandte sich nun an Dashiel und auch Taímel - zumindest mit Worten, denn er selbst hatte sich bereits wieder zur Tür umgedreht und sein Blick fixierte das dunkle Holz.

"Dashiel, Taímel. Wenn es euch jetzt noch möglich ist, dann findet euch bitte in einer Viertelstunde im Convent* ein. Ihr wisst, worum es geht." Damit verließ der goldene Engel die Scharcella wieder und lief lautlos den Säulengang entlang, der zum Waschhaus führte. Eine Abkühlung würde sicher gut tun...

_______________
*) Konferenzraum


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BeitragVerfasst: 02.07.2004 - 05:14 
SL Kenjiels & Anuels Schar
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Mit der einbrechenden Dunkelheit wurde es im Kloster ruhiger, man gab sich zur Ruhe und die Anwesenheit der Engel tat sein übriges, schließlich wollte niemand die Boten des Herrn verärgern. Templer patroullierten auf der Wehrmauer und würden dafür sorgen, dass es ruhig bleiben würde, zumindest hoffte man das.


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BeitragVerfasst: 02.07.2004 - 22:59 
Jenny
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Iliniel blickte auf, als der goldene Engel durch die Tür schritt. Sie war soeben fertig gewesen und wollte sich zu ihrem Hocker begeben. Immernoch musste sie das Zittern ihrer Hände verbergen. So sehr ihr Körper auch die Meditation brauchte ... so sehr hatte sie auch Angst davor ... immernoch und aus dem gleichen Grund. Sie wollte nicht träumen.

Als Tauriel nur Dashiel und Taímel mit zu einer Besprechung aufforderte, fühlte sie sich allein und ausgeschlossen. Sie konnte dies nicht ändern ... also bereitete sie sich auf die Meditation vor.


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BeitragVerfasst: 05.07.2004 - 17:29 
Oni
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Die Tür öffnete sich und Dashiel wußte ohne die Augen zu öffnen dass sein Michaelit, wie zuvor schon Taímel, den Raum betreten hatten, denn nur die die waren wie Gott konnten eine Herrlichkeit ausstrahlen, dass man selbst mit geschlossenen Augen jederzeit wahrnehmen konnte.

Ohne jede Reaktion nahm er Tauriels den Befehl wahr und hörte ihn den Raum wieder verlassen. Dann erst beendete er im Stillen sein Gebet und richtete zuerst seine Flügel und dann sich wieder auf.
Kurz versicherte er sich dass das Buch noch immer in seinem Rock war, dann steckte das Flammenschwert zurück in seine Scheide und ließ sich auf einem der Hocker nieder, wo er sich erstmal etwas zu Essen und Trinken nahm.

Noch weit bevor die Viertel Stunde vorüber war weckte er Taímel aus ihrer Meditation, fragte ob sie noch etwas essen mochte und bat sie mit ihm in den Convent zu kommen.


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BeitragVerfasst: 05.07.2004 - 19:34 
Yezariael
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Taímel blickte von seiner Meditation auf und gewahrte den Gabrieliten vor sich. Wohl hatte der Bewahrer des Wissens die Worte Tauriels vorhin vernommen so dass auch er bereit war, in den Convent zu gehen.
Zu neugierig war er auf den Inhalt besagten Buches und erhob sich deshalb stumm von seinem Hocker, warf Dashiel nur kurz einen Blick zu.

Zu zweit gingen sie hinaus und liefen durch das zur Ruhe gekommene Kloster, dass nur hie und da durch ein kleine Geräusche verriet, welchen Lärm die versammelte Menschenmenge hier tagsüber gemacht hatte. Weder Taimel noch Dashiel schienen die herrschende Stille brechen zu wollen und so fanden und betraten sie nach einer Weile den Convent ohne auch nur ein Wort gewechselt zu haben.
"Ich möchte dass du schon einmal einen Blick in das Buch werfen kannst, damit wir bereits etwas zu sagen haben wenn Tauriel hierher kommt." meinte der Gabrielit, kaum dass die schwere Holztür in ihr Schloss gefallen war und für einen Moment nur die Kerze die sie mitgenommen hatten den Raum beleuchtete, bevor Dashiel die Leuchten an den Wänden mit ihr entzündete.
Er stellte die Kerze auf den wundervoll gearbeiteten Tisch in der Mitte des Raumes ab und zog vorsichtig das Buch mit dem verzierten Einband aus seinem Rock hervor, hielt es jedoch vorerst in seinen Händen.
Erst mit einem durchdringenden Blick und dem Kommentar: "Lies laut." Legte er das in Leder gebundene Buch vor Taímel auf den Tisch.

Taímel beachtete weder den wunderbar gearbeiteten Tisch noch die Verzierungen an den Wänden. Einzig das Buch interessierte ihn in diesem Moment. Der Ramielit dachte jetzt nicht einmal mehr an die verwirrende Szene mit Tauriel in der Kirche.
Vorsichtig nahm er das Buch in die Hand, betrachtete vorerst den wertvollen Einband, gedacht dazu, das Buch zu schützen und schlug dann erst die erste Seite auf.
Seltsam... sollte nicht eigentlich etwas stehen in diesem Buch? Das einzige was der androgyne Engel sehen konnte waren wunderschön gemalte Bilder. Die Geschichte einer Schar im Kampf gegen die Traumsaat.
Und doch konnte der Ramielite sich der Faszination dieser Bilder nicht entziehen. Langsam setzte er sich auf eine Bank, die direkt vor dem Tisch stand, während Dashiel weiter stehen blieb und dem anderen über die Schulter linste.

Tatsächlich sogar war Taímel derart versunken, dass ihm dies nicht einmal auffiel, hätte er doch sonst heftigst dagegen protestiert. Dies mussten ziemlich alte Bilder sein, gemalt von jemandem, der sein Werk wirklich verstand. Selten hatte der Engel so detailierte, gut ausgearbeitete Zeichnungen gesehen und dies nur auf der geringen Größe die aufgrund der Buchseiten vorgegeben war...


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