Intro: Brujería - Blancanieves [Arafels Schar]

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Dweia
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Intro: Brujería - Blancanieves [Arafels Schar]

Beitrag von Dweia » 09.04.2009 - 16:33

"Viene la bruja", raunten die Menschen einander hinter vorgehaltener Hand zu, wenn die Frau durch die abwechselnd staubigen und schlammigen Gassen ihrer ärmlichen Dörfer ging. Sie waren Bergbewohner, klein, drahtig und dunkelhaarig, mit sonnenverbrannten Gesichtern. Das raue, ungastliche Klima ihrer Heimat ließ ihnen nicht viel durchgehen. Ihr Haar war windzerzaust, ihre Kleider vielfach geflickt, die Hände schwielig. Das wenige, was sie in mühevoller Arbeit erwirtschafteten, reichte kaum zum Leben.
Aber in ihren dunklen Augen brannte ein eigensinniger Stolz.
Sie kämpften. Jeder Tag war eine Schlacht, die geschlagen werden musste.
Das Gebirge fraß ihre Lebenskraft und ließ sie jünger sterben als die Menschen des Tales; schickte Schlamm- und Gerölllawinen, Steinschläge. Es beheimatete gierige Raubtiere und die harschen Winde, die die wenigen Bäume ganz krumm bogen.
Sie liebten es dennoch. Es war ihre Heimat. Aber sie fürchteten es auch.
Es gab viel zu fürchten in den Dörfern der Sierra.

* * *

Domingo war von den Wölfen angefallen worden, hatte Ana Elisa und Elisa María erzählt. Und jetzt hatten sie nach jemandem gerufen, der sich die schlimmen Wunden des heftig fiebernden Jungen ansehen sollte.
"Llama a la bruja", hatte die alte Elisa der in Tränen aufgelösten Mutter des Hirtenjungen geraten. "Llama a la bruja."
Zweifelnd hatte die Jüngere sie angesehen, aber das Leben ihres Jungen stand auf dem Spiel.

* * *

"Viene la bruja." Die Kinder hatten sie zuerst entdeckt. Großäugig und scheu standen sie hinter Marianos Scheune und lugten um die Ecke auf den steilen Pfad, der sich in Serpentinen von einem nahen Bergkammm ins Dorf schlängelte.
Festen, sicheren Schrittes kam sie herabgestiegen.
Hochgewachsen war sie, schlank und sehnig. Eine schöne Frau unschätzbaren Alters. Ihr langes, helles Haar glänzte in der Sonne, die durch die Wolken gebrochen war.
Sie schien die Kinder gar nicht zu beachten, sondern hielt zielsicher auf das Haus des Kranken zu.

* * *

Sie ging an Elisa und María vorbei, an Ana und Mariano, vorbei an der verzweifelten Mutter zum Bett des Knaben. Ihre klugen grünen Augen musterten den reglosen Körper einen Moment, dann drehte sie sich zu Elisa um. "Setz Wasser auf."
Die Dörfler sahen sie an, halb fasziniert, halb misstrauisch. Wollte sie einen Hexentrank bereiten?
"Es muss ein tüchtiges Feuer sein und ein großer Kessel", fuhr sie ungerührt fort, "das Wasser muss ordentlich kochen."
Elisa zuckte die Achseln und ging, ohne nachzufragen.
"Wie heißt du?", wagte María zu fragen.
"Blanca." Sie sah nicht auf, sondern langte in ihre lederne Umhängetasche und zog mehrere weiße Tücher und ein halbes Dutzend kleiner Stoffbeutel hervor, die sie auf dem Bett ausbreitete, bevor sie abermals in die Tasche lange.
"Da", sagte sie zu der jungen Mutter, "da, bind ihm das um den Hals."
In ihrer Hand lag ein Amulett aus gefärbten Holzperlen und Knochenstückchen, in die einige Zeichen geritzt waren.
Die Mutter zögerte, sah sich hilfsuchend um.
"Nimm schon, du dummes Kalb, wenn du willst, dass er wieder gesund wird", forderte Blanca sie ungeduldig auf.

* * *

Als Elisa mit dem Kessel wiederkam, den sie sehr vorsichtig trug, um nichts von dem kochend heißen Wasser überschwappen zu lassen, nahm Blanca einen hölzernen Becher und schöpfte etwas Wasser heraus, dass sie mit Kräutern aus drei oder vier der kleinen Beutel mischte.
"Gib ihm das zu trinken", sagte sie zu Domingos Mutter, dann reichte sie die Beutel an Elisa weiter. "Mehrmals am Tag einen Tee davon, bis das Fieber abklingt."
Sie griff nach einem der Tücher, tunkte es ins Wasser - die Dörfler hielten erschrocken den Atem an, schmerzte sie das heiße Wasser denn nicht? - und bereitete mit weiteren Kräutern einen Umschlag, den sie auf die Wunden legte.
"Und davon wird er jetzt gesund?", fragte Ana zweifelnd.
Blanca fixierte sie abschätzend. "Das liegt nicht in meiner Hand."
Ana glaubte zu verstehen. "Natürlich, wir werden zu Gott und den Erzengeln beten..."
Da lachte Blanca spöttisch und es jagte ihnen einen Schauer über den Rücken. "Wenn ihr sonst nichts Besseres zu tun habt..."

* * *

Als sie das Dorf auf dem gleichen Weg verließ, auf dem sie gekommen war, trat eines der Kinder hinter der Scheune hervor. Es war ein kleines Mädchen von vielleicht sieben oder acht Jahren.
"Bist du eine echte Hexe?", erkundigte es sich vorwitzig.
Blanca warf lächelnd einen Blick in die Runde. Die Wolkendecke war aufgebrochen und wärmende Sonnenstrahlen beschienen das ärmliche Dorf, dessen Hütten sich an die Bergflanke schmiegten. Neben der Scheune blühte ein Pflaumenbaum. Auf einem der höchsten Zweige saß eine Amsel und sag aus voller Kehle.
"Ich?", sagte sie zu dem kleinen Mädchen. "Ich bin eine Schwester der Amsel."
Dann drehte sie sich um und setzte ihren Weg fort, ins nächste Dorf.
Viene la bruja...

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