Der Rattenfänger [Liwiels Schar] - Präludium Samuriel

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Feather
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Der Rattenfänger [Liwiels Schar] - Präludium Samuriel

Beitrag von Feather » 09.06.2008 - 14:02

Es war früher Abend. Die Dämmerung senkte sich schon wie ein graues Seidentuch über Assisi am östlichen Tiberufer.
Im Kloster oben auf dem Hügel läuteten die Glocke; man begab sich bereits zum Abendessen.
Nur einige Monachen, die gerade bedächtig den rosmaringesäumten Weg an der Rückseite des Refektoriums hinaufstiegen und sich dabei leise unterhielten, fehlten noch und ein junger Hirte, der gerade seine Schafe durch die Klosterpforte in den Hof trieb – direkt unter der Statue eines Mannes vorbei, der einen Arm um den Nacken eines mächtigen steinernen Wolfes gelegt hatte.
Und dann war da noch jemand, der nicht oder auch nur noch nicht beim Essen war – ein blonder Sigilurielit mit karamellfarbenen Flügeln, deren Spitzen weiß wie Gänsedaumen waren, stand im Garten auf einer der grünen Terrassen und beobachtete die heimkehrenden Schafe.
Er war erst am Nachmittag eingetroffen und man hatte ihm eine Cella im Erdgeschoss zugewiesen, die nichts enthielt außer einem Meditationshocker, ein paar Wandhaken und einer Waschschüssel inklusive Seife, Handtuch, Wasserkrug und Trinkbecher auf einem niedrigen Regal. Geradezu spartanisch für ein Michaelitenkloster, doch der Urielit hatte die meiste Zeit seit seiner Ankunft sowieso im Freien verbracht.
Er war nicht direkt aus seinem Heimathimmel gekommen, sondern hatte noch eine Nachricht in Nürnberg überbracht, doch man hatte ihm in Monte Salvago befohlen, hierher zu kommen und auf seine neue Schar zu warten, von der er nichts wusste, außer dass die Engel frisch von der Weihe aus Roma Aeterna kamen.

Samuriel
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Beitrag von Samuriel » 11.06.2008 - 18:29

Samuriel verfolgte mit einem zufriedenem Lächeln, wie sich der Hirtenjunge Zeit für seine Schafe nahm obwohl die Glocken zum Abendessen schon geläutet hatten. Die Tiere sahen gesund, wohlgenährt und glücklich aus. Samuriel vermutete, dass die Menschen in Assisi sich ihren Tieren ziemlich verbunden fühlten. Die große Statue im Hof ließ ebenfalls darauf schließen, denn ein Mann der seinen Arm auf um den Nacken eines Wolfes legt ist durchaus bemerkenswert. Im Stillen nahm er sich vor, einen der Dorfbewohner später nach der Bedeutung der Figur zu fragen.

Samuriel saß auf einer Steinmauer am Rand des Dorfes, und beobachtet die Menschen auf ihrem Weg zum Abendmahl. Er selbst hatte schon bei seiner Ankunft etwas zu sich genommen, und war deswegen nicht hungrig.
Doch ein leises, keckerndes Geräusch aus seiner Tasche ließ ihn aus seinen Beobachtungen schrecken.
Natürlich... du hast noch Hunger.
Mit geschickten Fingern öffnete er die Kordel an seiner Umhängetasche... und prompt wuselte ein winziger Pelzkörper, mit schwarzen Knopfaugen und kurzen Beinen aus dem Beutel hervor und zwischen seinen Fingern geschwind in die Freiheit! Skarz, sein Wiesel mit dem langen schlanken Körper, hellbraunem Oberfell und weißem Bauch quitschte vergnügt - und schoß blitzschnell davon!
Lächelnd ließ er es einen Moment gewähren, stieß dann aber einen leisen, hellen Pfiff zwischen den Zähnen aus und Sekunden später war Skarz wieder bei ihm. Sofort krabbelte es in seinen Schoß, und ließ sich zärtlich von Samuriel das Kinn mit einem Finger kraueln.
Dann schnalzte er zweimal mit der Zunge und bewegte ruckartig den Arm – das Zeichen, dass Skarz sich nun selbst etwas zum essen jagen sollte.
Samuriel vertraute dem Wiesel mittlerweile. Es würde nur ein paar freilebende Mäuse fressen, denn wenn der Urielit dieses Zeichen machte wusste das Tier, dass es sich von menschlichen Bauhausungen und Gerüchen fernzuhalten hatte!
Binnen Sekunden war das Tier wieder verschwunden, eine Weile hörten seine geschulten Ohren noch die Geräusche der winzigen Pfoten - dann war es weg.

Er seufzte.
Eine Schar. Eine neue Schar! Und auch noch ganz frisch von der Weihe! Wann sie wohl eintreffen würden? Er war schon schrecklich gespannt – wie immer wenn er jemanden kennenlernen durfte! Ob sie wohl schon direkt einen Auftrag bekommen würden? Er war freute sich wieder in eine Schar zu kommen, und mehr Gesellschaft als nur sein Wiesel zu haben...so sehr er es auch mochte. Suchend tasteten seine Augen den Himmel ab, obwohl es ausgesprochen unwahrscheinlich war, dass die anderen Engel sich gerade in diesem Augenblick im Anflug befanden.

Er erhob sich, streckte seine flauschigen Flügel und spürte sofort wie ihm eine frische Briese ins Federkleid fuhr, und wie von selbst seine - vom sitzen etwas zerzausten - Federn in ihre ursprüngliche Position ordnete. Er streckte seine Nase in den Wind, streckte den schlanken Körper und genoß für einen Moment einfach das Gefühl der Freude dass ihn dabei durchströmte, wie ein heißer Tee nach einer kalten Nacht...

Hoffentlich sind sie bald da...

Samuriel
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Beitrag von Samuriel » 14.06.2008 - 22:40

Einen Moment noch genoß er einfach wie der Wind mit seinem Zopf spielte, sog die frische Luft tief in seine Lungen und schloß die Augen. Dann fasste er sich, und sah sich um.
Es war noch dunkler geworden. Von der untergegangenen Sonne war nur noch einen Scheinen, unterhalb des Horizonts zu sehen.

Der junge Hirte im Dorf war immer noch nicht beim Abendmahl. Es bereitete ihm scheinbar Mühe, die Schafe in den Stall zu treiben. Er lief um die Herde herum, wobei er versuchte sie in die richtige Richtung zu lenken.

Ich wollte doch sowieso noch jemanden nach der Statue fragen...ein guter Moment.


Das der Junge zwar eigentlich schon beim essen sein sollte, nur jetzt schon viel zu spät war, vergaß Samuriel in der Aussicht auf eine neue Bekanntschaft.
Samuriel spreizte seine Schwingen, und eine über fünf Meter lange Federwand entfaltete sich! Der Wind riss ihn sofort nach hinten und mit erst zwei, dann drei kräftigen Schlägen hob er ab. Ein paar Meter beförderte er sich mit seinen Schlägen nach oben, dann verlagerte er sein Gewicht und drehte die Flügel, woraufhin seine Federn eine tragende Briese einfingen.

Rauschend landete er elegant neben der Schafherde! Und zwar so, dass sie sich zwischen ihm und dem Stall befand! Mit geöffneten Schwingen blieb er stehen, und schlug noch einmal Wind! Die Schafe liefen daraufhin, beeindruckt von der großen braun-weißen Fläche, instinktiv in die andere Richtung!
In den Stall.
Die ersten bekamen wohl kaum wirklich mit, wohin sie liefen, und der Rest blieb einfach sturr bei der Herde.
Binnen Sekunden waren alle Schafe im Stall.

Rasch wandte sich Samuriel, in Common an den Hirtenjungen.

"Sei mir gegrüßt, ich bin Samuriel. Ich glaube du solltest das Tor schließen, sonst kommt deine Herde wieder raus."

Der Junge hatte erstaunt innegehalten, als der Urielit gelandet war. Mit einem Zwinkern und einem Nicken in Richtung Stall machte er ihn auf die Schafe aufmerksam, die gerade wieder ihren Kopf zum Tor rausstreckten.

Feather
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Beitrag von Feather » 15.06.2008 - 07:28

Rasch machte der Junge zwei Schritte auf die Stalltür zu und trieb das schwarzköpfige Schaf, das schon wieder vorwitzig seine samtige Nase ins Freie schieben wollte, mit wildem Hirtenstabgefuchtel und einem "Gscht!" wieder zurück.
Das Schaf blökte beleidigt, trat aber den Rückzug an.
Der Junge schloss rasch das Gatter das halb offenen Stalls und hakte es ein. Sofort hatte das schwarze Schaf den Kopf zwischen den Latten.
Der Hirte schüttelte den Kopf und tätschelte ihm flüchtig das zottige Fell, bevor er es zurückschob. Nicht, dass sich das dumme Tier noch verletzte.
Dann erst drehte er sich ein wenig erschöpft zu Samuriel um. "Danke, Engel."
Er war einen Kopf größer als Samuriel, doch er musterte den Urieliten voller Ehrfurcht. Plötzlich grinste er allerdings. "Du kannst das echt gut mit deinen Flügeln."

Samuriel
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Beitrag von Samuriel » 16.06.2008 - 16:45

Samuriel schmunzelte. Der Junge schien freundlich zu sein und nicht zu eingeschüchtert von der Gestalt eines Engels, wie es bedauerlicher Weise oft der Fall war.

„Hmm ja, sie sind schon ganz praktisch. Aber ich bekomm nicht oft die Gelegenheit, damit Schafe in ihren Stall zu treiben muss ich sagen...Sag mal wie heißt du eigentlich? Und kannst du mir mehr über die Bedeutung der Statue dort drüben erzählen? Ich finde es interessant, wieso der Mann mit dem Wolf befreundet ist...“

Erwartungsvoll sah er den Jungen an und faltete seine Schwingen wieder auf dem Rücken zusammen. Was er hier wohl anfangen konnte, solange seine Schar noch unterwegs war?

Feather
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Beitrag von Feather » 17.06.2008 - 08:09

"Ich heiße Mario", verkündete der Junge breit lächelnd. Es freute ihn, dass der Engel ihn nach seinem Namen fragte. "Und er..."
Er drehte sich nach der Staue um, die man von hier aus zwar nicht richtig sehen konnte, aber er wusste schon wovon die Rede war.
"Er heißt Franziskus. Er war ein Heiliger oder sowas. Naja, jedenfalls..." Er stützte sich auf seinen Hirtenstab. "Irgendwann ganz früher, wie Assisi noch ein minikleines Dorf war, da hatten die Leute hier arge Probleme mit einem Wolf; einem ganz großen und gefährlichen, der riss ihre Schafe und einmal hat er sogar einen Hirten angefallen. Anscheinend hatte er kein Rudel und du weiß ja, du bist ja Urielit - die Wölfe, die allein kommen, sind die schlimmsten.
Die Leute hatten eine Heidenangst und sie wollten ihn töten.
Naja und dann war da Franziskus, der war der Pater von dem Dorf, und der hat gesagt, er würde sich drum kümmern, dass der Wolf nie wieder die Herden angreift.
Dann ist er in den Wald gegangen und als der Wolf kam, hat er mit ihm geredet und Gott hat gemacht, dass der Wolf ihn verstand und er den Wolf. Franziskus hat gemeint, dass der Wolf den Menschen und ihren Tieren nichts tun darf, weil er doch auch ein Geschöpf Gottes ist und keine Traumsaat, aber da sagte der Wolf, dass er nur Hunger hat und dass er sterben muss, wenn er keine Schafe reißt, weil er schon so alt und schwach ist, dass er keine wilden Tiere mehr erwischt. Außerdem war er ja ganz allein und hatte keine anderen Wölfe, die ihm helfen konnten.
Und dann hat Franziskus mit den Leuten im Dorf und dem Wolf ausgehandelt, dass die Leute den Wolf füttern müssen und dafür tut er ihnen und ihren Schafen nichts mehr. Toll, oder?“

Samuriel
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Beitrag von Samuriel » 20.06.2008 - 14:55

Erstaunlich, der Junge wusste wirklich gut bescheid!
In der Zeit die er auf der Mauer im Wind verbracht hatte war, es immer dunkler geworden und Samuriel wurde sich plötzlich wieder bewusst, dass der Hirte sicher hungrig, müde und auf jeden Fall viel zu spät dran war!

„Ja also das klingt doch mal wundervoll, du kennst dich ja echt gut aus! Der heilige Franziskus also...er muss ein beeindruckender Mann gewesen sein, um Freundschaft mit einem Wolf zu schließen und so ein Zusammenleben zu ermöglichen. Ich hab noch nie von ihm gehört, also vielen Dank für die Unterrichtsstunde. Aber... ich glaube ich halte dich auf. Die Glocken haben schon lange geläutet und du musst bestimmt zum Abendessen, oder?"

Die feine Nase des Urieliten konnte in der Luft schon einen schwachen, aber sehr wohlriechenden Geruch nach leckerem Eintopf warnehmen. Die anderen Bewohner aßen sicherlich schon. Freundlich lächelte er den Jungen an, wenn dieser noch nicht gehen, sondern sich noch länger mit ihm unterhalten wollte, wäre ihm das nur sehr Recht - er hatte sowieso nichts anderes vor.

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Beitrag von Feather » 22.06.2008 - 13:31

"Oh, stimmt." Der Junge warf einen besorgten Blick hinauf zum Haupthaus, doch gleich darauf hellte sich seine Miene wieder auf. "Aber wenn ich erzähle, dass ich mit dir geredet habe, schimpft mich sicher keiner!" Er grinste von einem Segelohr zum anderen.
Er hätte gern noch länger mit dem Urieliten geredet, aber jetzt meldete sich doch sein Magen, deswegen meinte er:
"Du fliegst sicher morgen schon wieder weiter, oder? Gott mit dir, Engel! Ich seh mal zu, dass ich auch noch zu essen kriege. Vielleicht treff ich dich ja nochmal."
Er winkte und hopste dann den Weg zum Refektorium hinauf, wobei er seinen Hirtenstab zur Hilfe nahm. Ein ulkiger Anblick.

Samuriel
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Beitrag von Samuriel » 24.06.2008 - 19:01

Er lachte, als der Junge anfing den Weg hoch zu hopsen. Obwohl es zu spät war, strahlte dieses Kind eine unglaubliche Lebensfreude und Unschuld aus.

„In Ordnung, morgen früh bin ich wohl auf jeden Fall noch da!“

Auch Samuriel winkte, als er dem Knaben zum Abschied schon fast hinterher rufen musste.

Der Abend war nun entgültig zur Nacht geworden.
Samuriel holte seine kleine Holzpfeife aus dem Beutel an seinem Gürtel und setzte sie an die Lippen. Ein relativ leiser, aber sehr heller Ton ertönte für einige Sekunden, in denen der Urielit in das Gerät blies.
Er steckte die Pfeife wieder ein, und musste nur wenige Minuten warten bis Skarz, sein Wiesel, auf dem Boden angerannt kam.
Ein schnalzendes Geräusch mit der Zunge genügte, damit das Tier sich an seine Fersen heftete. Wärend also Samuriel den Weg zum Kloster, und bis zu der ihm zugewiesenen Cella lief, rannte Skarz frühlich neben ihm her.

Endlich angekommen, ließ Samuriel den gefütterten Beutel für Skarz vor dem Hocker auf dem Boden liegen. Später würde es sich zum schlafen dort zusammenrollen, doch erstmal erkundete das Wiesel - neugierig wie immer - erstmal den Raum.
Es durchsuchte die Ecken, sah sich nach Spalten und Klettermöglichkeiten um, schnüffelte an der Waschschüssel und kletterte schließlcih auch noch auf das Regal.
Er selbst ließ sich auf dem Meditationshocker nieder und dachte noch eine Weile an seine zukunftigen Schargeschwister.
Ja! Er freute sich auf sie!

Kurz darauf hatten sich seine Augen geschlossen, und er war in seiner Meditation versunken...

Michael
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Re: Der Rattenfänger [Liwiels Schar] - Präludium Samuriel

Beitrag von Michael » 06.10.2010 - 17:36

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